Reichweite ist nicht gleich Abverkauf. Die Mythen, an denen Pharma-Marketing auf Social Media scheitert.
Nicht das Budget ist das Problem, sondern eine Handvoll Annahmen, die sich vernünftig anfühlen und genau deshalb so teuer sind.
Wenn ich mit Pharma-Teams über ihre Social-Media-Auftritte spreche, liegt fast immer dasselbe auf dem Tisch. Zahlen, die ordentlich aussehen, Impressionen, Reichweite, geschaltete Anzeigen, und daneben die leise Ahnung, dass im Markt erstaunlich wenig ankommt. Die naheliegende Erklärung lautet dann oft, es brauche mehr Budget oder mehr Reichweite. Meine Erfahrung ist eine andere, denn es liegt selten am Geld und fast immer an einer Handvoll Mythen, die sich vernünftig anfühlen und gerade deshalb in die falsche Richtung führen. Wer sie einmal durchschaut, trifft sofort bessere Entscheidungen, ohne einen Euro mehr auszugeben.
Mythos 1: Reichweite ist schon der Erfolg
Das ist der Mythos, aus dem fast alle anderen folgen. Ein Account kann gesehen werden und trotzdem nichts bewegen, weil Sichtbarkeit und Wirkung zwei verschiedene Dinge sind. In vielen Unternehmen wird Social intern als Reichweitenkanal verbucht, es bekommt ein Reichweitenziel, ein Reichweitenreporting und ein Reichweitenbudget und wird folgerichtig so geführt, dass am Ende Reichweite herauskommt und sonst wenig. Dabei ist Social im Kern kein Reichweitenkanal, sondern ein Vertrauenskanal. Es ist der direkteste und emotionalste Weg, den Endverbraucher dort zu erreichen, wo er ohnehin schon ist, auf seinem eigenen Endgerät, lange bevor er am HV-Tisch steht. Vertrauen, nicht Sichtbarkeit, ist die Währung, die später darüber entscheidet, ob ein Produkt namentlich verlangt und von der PTA ohne Zögern empfohlen wird.
Mythos 2: Viral ist das Ziel
Viralität ist keine Strategie, sondern bestenfalls ein Nebeneffekt. Ein viraler Moment bringt viele fremde Menschen, die nicht deine Zielgruppe sind, einmal in Kontakt mit dir und danach nie wieder. Für ein Pharmaunternehmen ist das fast wertlos, denn der Apothekenmarkt lebt nicht davon, einmal viele Falsche zu erreichen, sondern davon, wiederholt die Richtigen zu erreichen und bei ihnen Vertrauen aufzubauen. Das eigentliche Ziel heißt deshalb nicht Reichweite um jeden Preis, sondern Relevanz bei genau den Menschen, die du im Markt brauchst. Ein einziger viraler Hit, der an deiner Zielgruppe vorbeigeht, ist weniger wert als eine kleine, treue Community, die dir glaubt.
Mythos 3: Was auf TikTok läuft, läuft auch auf Instagram
Plattformen sind keine Verteilkanäle für denselben Clip, sie haben eigene Codes, eigenes Nutzerverhalten und eine eigene Algorithmuslogik. Was auf TikTok funktioniert, lebt von Tempo, Ton und einer eigenen Sehweise, und gerade jüngere PTA-Zielgruppen lassen sich dort anders erreichen als auf Instagram. Dort greifen andere Formate, andere Erwartungen und ein anderer Rhythmus. Wer Inhalte eins zu eins hinüberkopiert, signalisiert vor allem, dass er sich keine Mühe gemacht hat und wird entsprechend schwächer ausgespielt. Content gehört je Plattform eigenständig gedacht, nicht recycelt und genau hier wird sichtbar, ob hinter einem Account eine Strategie steht oder nur ein Veröffentlichungsplan.
Mythos 4: Viel Budget hilft viel
Viel Geld auf einer unklaren Botschaft macht die Botschaft nicht klarer, es macht die Verwirrung nur schneller und teurer. Ein häufiger Fehler, den ich in Kampagnenlogiken immer wieder sehe, ist, zu wenig Budget auf zu viele Anzeigen und zu viele Personas zu verteilen, sodass keine Kampagne je über die Lernphase hinauskommt und am Ende alles ein bisschen läuft, aber nichts richtig. Sinnvoller sind ein, zwei gute Maßnahmen mit ernstgemeintem Budget, getragen von einer sauberen Strategie mit definierten Contentsäulen und einer klar umrissenen Zielgruppe. Budget beschleunigt ein funktionierendes System, es repariert kein kaputtes. Wer organisch keine Resonanz erzeugt, verstärkt mit Geld am Ende nur das Schweigen.
Mythos 5: Hauptsache, die Zahlen steigen
Follow-for-Follow, gekaufte Reichweite und die Angewohnheit, dass das halbe Unternehmen jeden Post liked, treiben die Zahlen nach oben und zerstören gleichzeitig das Signal. Der Algorithmus und dein eigenes Reporting verlieren die Fähigkeit zu zeigen, was wirklich Resonanz erzeugt, weil künstliche Interaktion die echte überdeckt. Ein Follower, der nicht zur Zielgruppe gehört, ist kein Erfolg, sondern Rauschen, das dir später jede Auswertung verfälscht. Die unbequeme Wahrheit ist, dass eine kleinere, saubere Zahl dir mehr über deinen Markt verrät als eine große, geschönte.
Mythos 6: Content heißt, das Produkt zu zeigen
Den Endverbrauchern ist weitgehend egal, ob die Packung schön ist und welche Farbe sie hat und der Wirkstoffname ist für viele nicht der eigentliche Einstieg. Sie kommen in die Apotheke und sagen, sie brauchen etwas für den Kopf, etwas für die Erkältung, etwas für Magen und Darm. Was zählt, ist, dass sie Vertrauen aufbauen und sich angesprochen fühlen und dieses Vertrauen entsteht über Emotion und Haltung, oft lange vorher über Social aufgebaut. Reiner Produkt-Content baut keine Beziehung auf, er zeigt nur ein Regal. Storyselling beginnt eben nicht mit dem Produkt, sondern mit einer Community, die der Geschichte überhaupt glaubt.
Was diese Mythen verbindet
Bei aller Verschiedenheit haben alle sechs dieselbe Wurzel. Sie behandeln Social Media als isolierte Reichweitenmaschine, die man mit genug Budget und genug Posts schon zum Laufen bringt, statt als Vertrauenssystem, das mit dem Markt verbunden ist. Wer das dreht, geht in einer anderen Reihenfolge vor. Zuerst das Fundament, also Zielgruppe, Verantwortung und ein sichtbarer Vertrauensanker. Dann der Inhalt entlang klarer Contentsäulen. Dann die Community, die zuhört und wiederkommt. Und erst danach bezahlte Verstärkung mit echter Funnel-Logik und einem klaren nächsten Schritt.
Am Ende schließt sich ein Kreis, den die meisten offen lassen. Wenn der Endverbraucher über Social vorbereitet in die Apotheke kommt, die PTA aber nicht weiß, was gerade läuft, dann trifft Aufmerksamkeit auf eine Lücke statt auf eine Empfehlung. Social entfaltet seine Wirkung erst, wenn es mit Vertrieb, Außendienst und Apotheke zusammen gedacht wird und nicht als eigene kleine Welt nebenher läuft. Reichweite ist eben nicht gleich Abverkauf. Sie ist nur dann etwas wert, wenn darunter ein Fundament liegt, das aus Sichtbarkeit Vertrauen und aus Vertrauen Nachfrage macht.
Ich habe die wichtigsten Fragen in meinem Social-Media-Check für Pharmaunternehmen zusammengestellt. Damit erkennst du in wenigen Minuten, ob dein Account wirklich auf Vertrauen und Nachfrage einzahlt oder nur sichtbar ist.
Social-Media-Check
Zahlt dein Account auf Vertrauen ein oder ist er nur sichtbar?
Wer den Check haben möchte, schreibt mir einfach direkt, dann schicke ich ihn zu.
Über die Autorin
Anne-Kathrin Marx
Strategische Beraterin für Pharma-Marketing. Über sechzehn Jahre in allen drei Welten der Branche: beim Vermarkter, in der Agentur und beim Hersteller. Keine Agentur, kein Coaching, sondern der neutrale Blick von außen.
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